Emilie, 96

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem ich nicht vertrieben werden kann.

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Emilie, 96

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem ich nicht vertrieben werden kann.

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Dieses Bild zeigt meinen einzigen Bruder, Rudolf – von uns allen Rudi genannt. Er war fünf Jahre jünger als ich. Dieses Foto wurde gemacht als er 23 Jahre alt war. Er war im 2.Weltkrieg Soldat und häufig in Russland.

Ich weiß noch genau, wie ich ihn nach seinem Fronturlaub bei uns am Bahnhof winkend verabschiedete. Nicht nur ich erwartete ihn wieder – auch seine Braut. Beide wollten heiraten.

Zum nächsten Urlaubstermin hatte sie schon das Brautkleid bei uns im Schrank verwahrt. Sie schlief in sehnsüchtiger Erwartung bei meinen Eltern. Vergebens. Statt seiner selbst kam der Brief, der die Mitteilung über seinen Tod enthielt.

Mein ältester Sohn nahm sich viele Jahre später die Zeit, nachzuforschen, wo Rudi gefallen war – in Russland. Aber ich bin dort nie an seinem Grab gewesen.

Lieber habe ich ihn lebendig, in Szenen unseres gemeinsamen Lebens, in Erinnerung… Wie er mir von seinem Weihnachtsteller immer etwas abgab, wenn ich schon alles weggenascht hatte. Oder wie wir auf unserem gemeinsamen Schulweg auf der Zweigstraße gingen. Oder wie ich ihm nach der Schule bei den Hausaufgaben half.

Er war handwerklich sehr geschickt und hätte noch eine Lehre machen können in einem Stahlwarenbetrieb in Solingen. Wir waren eine richtig typische Schleiferfamilie.

Durch dieses Bild bleiben die Erinnerungen an ihn für mich lebendig. Die Erinnerung ist das einzige Paradies aus dem wir nicht vertrieben werden können.